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Praxistag "Jagdgenossenschaften gestalten Zukunft"

WiWaldI zu Gast bei der Jagdgenossenschaft Vitzerod am 21.03.2026

Im Rahmen von WiWaldI fand am 21. März 2026 in der Jagdgenossenschaft (JG) Vitzerod ein Praxistag zum Thema „Jagdgenossenschaften gestalten Zukunft“ statt. Die Veranstaltung brachte fast 70 Waldbesitzende, Vorstände von Jagdgenossenschaften sowie Praktikerinnen und Praktiker aus Thüringen und den benachbarten Regionen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der HAWK, der TU München, der TU Dresden und dem Team der ANW zusammen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Werkzeuge kombiniert werden können, um eine verjüngungsorientierte Jagd in der Praxis erfolgreich umzusetzen und damit die Waldziele der Jagdgenossen zu erreichen.

Die JG Vitzerod liegt am nördlichen Rand des Thüringer Waldes nahe Georgenthal. Sie umfasst rund 1.000 Hektar, davon 93 % Waldfläche. Die Genossenschaft vereint private, kommunale und staatliche Eigentümer. Seit 2016 wird das Revier konsequent in Regiejagd (Eigenbewirtschaftung) geführt – ein Modell, das der Genossenschaft maximale Handlungsspielräume zur Zielerreichung sichert.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist die enge Zusammenarbeit mit der Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Totenkopf‑Vitzerod. Ergebnisse einer WiWaldI‑Untersuchung zeigen eindrucksvoll: Die Verbissquote liegt bei nur ca. 3 %, die Schälschäden bei etwa 0,2 % – Werte, die deutlich unter den Erwartungen vieler Waldeigentümer liegen und den Erfolg des konsequenten jagdlichen Managements belegen.

Nach der Eröffnung durch Veranstaltungsmoderator Kay Hagemann begrüßten Projektkoordinatorin Hanna Versen, Pilotverantwortlicher Christoph Kühne und Alexander Hopf von der JG Vitzerod die Teilnehmenden und ordneten die Genossenschaft als Best‑Practice‑Beispiel für waldorientierte Jagdgenossenschaftsarbeit in den Projektkontext von WiWaldI ein.

Es folgte ein Block wissenschaftlicher Impulse:

  • Dr. Alexander Seliger und Jan Zäh (HAWK Göttingen) zeigten auf, wie sich Vegetation unter Schalenwilddruck entwickelt. Sie betonten, dass bereits die Erstaufnahme der Flächen – z. B. das häufige Auftreten der Eberesche als Indikatorart – auf günstige Wilddichten hinweist.
  • Jonathan Fibich (TU München) stellte ökonomische Szenarien gegenüber: Was kosten Wiederbewaldung und Bestandesbegründung bei guter Vorausverjüngung – und was bei überhöhten Wilddichten? Sein Fazit war klar: Angepasste Wildbestände zahlen sich ökonomisch wie ökologisch aus.
  • Claudia Jordan‑Fragstein und Moritz Brunkau (TU Dresden) beleuchteten das Zusammenspiel von Wild, Waldstruktur und der Vielfalt waldbewohnender Insekten und zeigten, wie tiefgreifend Wildmanagement in ökologische Netzwerke hineinwirkt.
  • Die ANW ergänzte den Forschungsteil mit einem Überblick zur Bedeutung von Jagdgenossenschaften für klimastabile Wälder und stellte den im Projekt entwickelten WiWaldI‑Musterjagdpachtvertrag vor – eine praxisnahe Alternative, wenn Eigenbewirtschaftung nicht möglich ist.

Nach der Kaffeepause folgte der Praxisteil, den viele mit Spannung erwartet hatten. Alexander Hopf, jagdlicher und forstlicher Leiter der JG Vitzerod, stellte die Organisation und Arbeitsweise der Genossenschaft vor. Dabei hob er hervor:

  • die enge Verzahnung mit der FBG Totenkopf‑Vitzerod und die gemeinsame strategische Planung,
  • die transparente Kommunikation mit den Jagdgenossen, von denen rund drei Viertel regelmäßig zu den Versammlungen erscheinen,
  • Investitionen in moderne Jagdmethoden wie Intervalljagd, den Einsatz von Klettersitzen, kontinuierliche Fortbildungen sowie den Eigenbau jagdlicher Einrichtungen,
  • gemeinschaftliche Pflanzaktionen, bei denen alle Generationen Hand in Hand arbeiten,
  • und das außergewöhnliche persönliche Engagement des Vorstands, sichtbar etwa im Aufbau eines eigenen Pflanzgartens.


Nach dem gemeinsamen Mittagessen ging es hinaus in den Wald. Während der Exkursion konnten die Teilnehmenden das zuvor Gehörte direkt erleben. Bereits am ersten Exkursionspunkt – einer Wiederbewaldungsfläche nach Borkenkäferschäden – zeigte sich, wie stabil und vielfältig sich die Naturverjüngung entwickelt, wenn das Wildmanagement konsequent auf die Waldziele abgestimmt ist. Auch die jagdliche Infrastruktur wurde hier thematisiert - eine Besonderheit in der JG Vitzerod ist die hohe Anzahl an Jagenden mit Klettersitz: Mehr als 30 Schützen sind ausgebildet am Klettersitz und tragen so erheblich zur Effektivität von Bewegungsjagden und Einzelansitz bei.

Der Praxistag machte eindrucksvoll sichtbar, dass die JG Vitzerod weit mehr ist als ein funktionierendes Revier. Sie ist ein lebendiges Beispiel dafür, was eine Jagdgenossenschaft erreichen kann, wenn alle Beteiligten Verantwortung übernehmen, Wissen teilen und gemeinsam handeln.

Die bunte Baumartenmischung, die niedrigen Verbiss‑ und Schälschäden, die erfolgreiche Wiederbewaldung, die hohe Motivation der Jagdgenossen und die enge Verbindung von Waldbau und Jagd sind nicht das Ergebnis einzelner Maßnahmen – sondern einer echten Gemeinschaftsleistung.

Die JG Vitzerod zeigt, dass Zukunftswälder dort entstehen, wo Menschen miteinander sprechen, mutig Neues ausprobieren und konsequent an einem Ziel arbeiten: einen strukturreichen, vielfältigen und zukunftsfähigen Wald für kommende Generationen zu gestalten.

(c) Text: Hanna Versen

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