Ökonomische Bewertung von Wildeinfluss und Walderholungswert

von Dominik Holzer und Isabelle Jarisch

In unserem Teilprojekt beschäftigen wir uns mit der spannenden Frage, wie sich Wildverbiss auf Ökosystemleistungen und die Stabilität unserer Wälder auswirkt. Wo stehen wir gerade im Teilprojekt der TU München? Hier wollen wir einen kleinen Einblick in erste Ergebnisse und Modellierungsfortschritte geben:

Modellierung von Wildeinfluss auf die Bestandesentwicklung und ökonomische Bewertung verschiedener Bestandesstrukturen

Zur finanziellen Bewertung von Waldbeständen unter variablem Wildeinfluss haben wir ein mehrstufiges Modellierungsdesign entwickelt. Dieses Design bildet sowohl waldbauliche Standardplanungen als auch mögliche Kalamitäten ab, indem es zwei zentrale Szenarien definiert: Bestände mit Vorabverjüngung und Bestände ohne Vorabverjüngung durch plötzlichen Bestandesabgang wie bei bekannten Kalamitäten wie Borkenkäferfraß. Wir modellieren dabei verschiedene, praxisrelevante Baumartenkombinationen, um die ökonomische Stabilität und das Ertragspotenzial zu analysieren. Dazu zählen die Fichte-Tanne-Buche-Mischung (als klassische Stabilitätsmischung) sowie Mischungen mit Douglasienanteil (zur Abbildung alternativer Ertragspotenziale und Resilienz). Diese differenzierte Modellierung erlaubt eine präzise Analyse der finanziellen Auswirkungen von Bewirtschaftungsentscheidungen und des Risikoprofils unter Berücksichtigung des Wildeinflusses auf die Verjüngung dieser verschiedenen Bestandesmischungen.

Aufbau der Simulation und agentenbasiertes Modell "iDeer"

Der Simulationsaufbau zur Analyse der langfristigen Auswirkungen des Wildeinflusses auf die Ökosystemleistungen und Stabilität von Waldbeständen gliedert sich in folgenden Ablauf: Zuerst wird das Wachstum der Verjüngung unter verschiedenen Wildeinfluss-Szenarien simuliert, was die Basis für die weitere Bestandesentwicklung bildet. Daran anschließend analysieren wir, wie sich die resultierende Bestandeszusammensetzung – insbesondere die Baumartenverteilung und Volumen – nach Abschluss der Verjüngungsphase darstellt. Im nächsten Schritt erfolgt die Optimierung der waldbaulichen Maßnahmen in Hinblick auf definierte Zielkriterien – in unserem Fall auf den maximalen finanziellen Ertrag durch Holzproduktion und -verkauf. Abschließend werden die ökonomischen Kennzahlen (z.B. Bodenrenten und Kapitalwerte) der verschiedenen Szenarien berechnet und verglichen. Dieser Prozess liefert ein möglichst umfassendes Bild darüber, wie stark der Wildeinfluss die langfristigen ökonomischen und ökologischen Parameter unserer Wälder prägt.

Aus dem Projekt heraus kam zudem die Anregung, dass der Einfluss von Wildeinfluss zudem sehr habitatspezifisch, also abhängig von vorhandenen Baumarten und Verjüngungsstrukturen, ist und wirkt. Diese Abhängigkeit erhöht die Komplexität der Analyse erheblich und erfordert eine räumlich explizite Modellierung. Räumlich explizit bedeutet in diesem Kontext, dass die Simulation die exakte Anordnung und Verteilung der Bäume, der Verjüngung und des Habitats im Modellraum berücksichtigt, anstatt aggregierte, flächenweite Durchschnittswerte zu verwenden. Um dieser Fragestellung gerecht zu werden, entwickeln wir das agenten-basierte Modell „iDeer“. Hierbei folgt der Agent – das Reh – nicht nur einer grundsätzlichen Baumartenpräferenz, sondern berücksichtigt auch die Abundanz (Häufigkeit) der Baumarten in seinem unmittelbaren Umfeld. Die Implementierung dieser räumlichen und verhaltensbiologischen Komplexität stellt uns regelmäßig vor Herausforderungen, die sowohl aus programmiertechnischer Sicht als auch in Bezug auf die Ergebnisinterpretation zu spannenden fachlichen Diskussionen führen.

Ökosystemleistungen in Wäldern: Erholung und Wasser

Aktuellen Anlässen folgend wurde das Thema Trinkwasserspende als weitere Ökosystemleistung in unsere Untersuchungen integriert. Zur Analyse dieser komplexen Zusammenhänge kooperieren wir eng mit zwei Master-Studierenden, deren Abschlussarbeiten unterschiedliche Analyseziele nutzen: Ausgehend von verschiedenen Bestandestypen simuliert das Waldwachstumsmodell iLand zunächst den Einfluss des Schalenwildes auf die Mischungsanteile und die Bestandesstruktur. Die dort modellierten Bestandesparameter dienen als Eingangsdaten für das hydrologische Modell LWF BROOK90R, welches die potenziell mögliche Wasserspende erfasst. Die ermittelte Wasserspende wird abschließend durch Verrechnung mit gängigen Trinkwasser- oder Aufbereitungspreisen ökonomisch bewertet, wodurch eine quantifizierbare Kenngröße zur Bewertung dieser Ökosystemleistung generiert wird. Im Rahmen dieser Arbeiten untersuchen wir die Wasserspende unterschiedlicher Bestandestypen sowie verschiedener Wildeinflusszenarien und deren ökonomische Effekte auf die Bestandesformationen.

Zur Erfassung der Ökosystemleistung "Erholungsnutzung" haben wir eine deutschlandweit repräsentative Bevölkerungsbefragung im Zeitraum Februar - März 2025 durchgeführt. Über das engagierte Befragungsinstitut haben wir über 4.000 Befragte erreicht und konnten Rückmeldungen über die übliche Erholungsnutzung der Befragten in Wäldern bekommen. Es zeigt sich, dass unter den Befragten 47% mindestens wöchentlich ein Waldgebiet aufsuchen und 70% mindestens monatlich. Nur 10% der Befragten hatten innerhalb der letzten 12 Monate keinen Wald besucht. Wie erwartet war das Spazierengehen im Wald die häufigste Tätigkeit. Die übliche Entfernung, die unsere Befragten von ihrem Zuhause zum Wald zurücklegen, betrug im Mittel 6 km, wobei 47% der Befragten diesen Weg zu Fuß, 24% mit dem Fahrrad und 13% mit dem Auto zurücklegen. Auf unsere Frage, wie zufrieden die Teilnehmenden mit den Wäldern in ihrer Umgebung für die Erholungsnutzung sind, antworten 88% positiv und zeigen Zufriedenheit mit den vorherrschenden Bedingungen. 

In dem in der Umfrage integrierten Choice Experiment wurde abgefragt, ob die Teilnehmenden einen Fond zur Förderung einer besseren Erholungsnutzung unterstützen würden. Wir zeigten daraufhin verschiedene Förderalternativen mit variierenden Waldcharakteristika, um die Präferenzen der Befragten mit der sogenannten Nutzenanalyse innerhalb des Choice Experiments abzuleiten. Es zeigte sich dabei, dass die Teilnehmenden Naturboden vor Schotter vor Asphalt als Wegeauflage bevorzugen. Ebenso wurden ungleichaltrige Wälder bevorzugt und auch für gemischte Wälder konnten wir Präferenzen erfassen

Erste Zwischenergebnisse präsentieren wir bereits in den Pilotregionen, sowie auf nationalen und internationalen Tagungen und freuen uns darauf, bald auch ausführlichere Ergebnisse in Form von Publikationen bereitstellen zu können.